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Ein himmlisches Gespann

Nathalie Leurer

Ein Himmlisches Gespann -
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Die Sonne brannte unbarmherzig auf den Asphalt und den ein oder anderen vom Quartiermanager eigens farbig hervorgehobenen Hundehaufen. Verschiedene Umstände, die die Existenz zu mehr als nur einer olfaktorischen Herausforderung machten. Daher war ich froh, vorerst in die klimatisierten Tiefen des ortsansässigen Supermarkts abtauchen zu dürfen. Dort konnte man tägliche Einkäufe erledigen und ganz nebenbei Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele werfen. Aber wie überall gilt auch dort: man sollte gehen, wenn es am Schönsten ist. Während Kinder, Frauen, Männer und der Penny-Security im Hintergrund stritten, diskutierten oder scherzten, glitten die Glastüren lautlos zur Seite und machten den Weg in den Hexenkessel frei. Ich holte tief Luft, schulterte meine Einkäufe und trat zurück in die flirrende Nachmittagshitze. Trotz meiner textilarmen Garderobe, stand ich bereits - nachdem ich die Mittelstraße mit ihren tiefergelegten, unterbodenbeleuchteten, bassbeboxten BMWs unbeschadet überquert hatte - in meinem eigenen Saft. Es bis zur Kühle meiner wunderbar zugigen Hochparterre-Wohnung zu schaffen, ohne auf dem Weg in Rauch aufzugehen, stand außer jeglicher Debatte. Schutzsuchend kauerte ich mich in den Schatten des Bücherregals auf dem Neumarkt und studierte pro Forma die ausgestellten Buchtitel, bis meine Aufmerksamkeit von einer zwielichtigen Gestalt in Anspruch genommen wurde. Einer Figur, die eigentlich besser in düstere New Yorker Seitenstraßen als die lichtdurchflutete Hitze baden-württembergischer Städte passte. Bis oben zugezogene speckige Lederjacke mit passendem Beinkleid, groben Bikerstiefeln, zahlreichen Tätowierungen an den wenigen einzusehenden Hautstellen und einem gleichermaßen übellaunigen Hund mit Nietenhalsband. In der Hand ein Bier, dem er definitiv lieber zusprach als der Morgendusche. Mehr oder weniger zielstrebig steuerten Hund und Herr auf mich zu. Nur mit Mühe konnte ich meinen Fluchtreflex unterdrücken. Ich versuchte den Anschein zu erwecken, in das Studium der Buchrücken vertieft zu sein. Er stellte sich neben mich und umhüllte mich mit einer Wolke aus abgestandenem Schweiß. Ich hielt die Luft an.

 

Aber er beachtete mich gar nicht, legte seinen Kopf schief und begann seinerseits die Buchrücken zu inspizieren. Plötzlich erhellten sich seine Züge. Er zog vorsichtig einen Titel aus dem Schrank. Noch während er sich umdrehte und in Richtung Neckarwiese davonschlurfte, konnte ich einen Blick auf sein Buch erhaschen. Das pinke Cover stand im grellen Gegensatz zu seiner Kleidung. Geschnörkelte Buchstaben prankten neben einem geflügelten Cherub und verkündeten: „Alles über Engel“.

Weitere Geschichten gibt es ab Juni 2018 in der ganzen Stadt zu entdecken 

 

Nähere Infos zum Projekt unter

www.movingspace-mannheim.de/moving-stories