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Zärtlichkeit

June 17, 2018

 

 

Es gibt einen Ort in Lenyas Stadt, den sie mit Freundschaft verbindet.

 

Abends macht sie oft einen Spaziergang dorthin. Wo die Flüsse sich treffen geht sie am Wasser entlang, passiert zwei Brücken und viele Häuser, schaut in all die Fenster und Gesichter, genießt die Lichter. Und hört Autos und Möwen, Hunden und Vögeln zu. Manchmal begleiten sie die Schwäne einen Abschnitt ihres Weges, doch oft fühlt sie sich allein. Bis sie ankommt. Bei den drei großen Häusern. Eine Landschaft aus Beton, die für Lenya viele Erinnerungen beherbergt. Als sie herausfand, dass man den Baustil der Gebäude ‚Brutalismus’ nennt, musste sie herzlich lachen. Zu diesem Ort gehört Heimat, Freiheit und Erkenntnis, er ist echt. Quasi zärtlicher Brutalismus, in dem Lenya Wege fand, sich selbst zu sehen und mit sich weiterzugehen.

 

Die Brücke, die die Flussufer verbindet, verbindet auch Gebäudekomplexe miteinander, sie ist nur für Fußgänger und an Seilen aufgehängt, sie ist leise. Doch wenn man in ihrer Mitte geht und klatscht, schallt ein Geräusch wider, das man schwer beschreiben kann. An dem Tag vor einigen Jahren, als Lenya das herausfand, war sie allein. Sie kam aus dem Kino im sonst sehr verlassen wirkenden Gebäude auf der einen Seite der Brücke und ging in Richtung der drei großen, dunklen Türme mit den vielen bunten Fenstern, den bepflanzten Balkonen und den Papageien in den Bäumen auf der anderen Seite. Sie dachte gerade darüber nach, wie viele Menschen dort schon gewohnt hatten, gerade dort lebten, dort gestorben sind. Wer auf die Idee kam, die Balkone so zu bepflanzen, versuchte, sich daran zu erinnern, ob die meisten Fenster zur Winterzeit dekoriert waren und daran, wie die Wohnungen geschnitten sind. Sie verbindet nicht nur gute Erinnerungen mit diesen Häusern, dieser Brücke, diesem brutalem Ort aus Beton. Aber dadurch, dass sie immer wieder hierherum kam und immer wieder sah, wie viele Menschen den Beton belebten, neutralisierten sich die Erinnerungen irgendwann. Die vielen Leben, die vielen Geschichten, die sich hier abspielten, waren alle gleich wichtig, wie traurig oder fröhlich sie auch seien. Und sie gehörten alle zu diesem Ort.

 

Dieser Ort sammelt Geschichten.

 

Wenn Lenya heute dorthin geht, fühlt sie sich wie in einer Bibliothek. Voller Respekt für all diese Erfahrungen, Ideen, Gedanken um sie herum und geborgen in sich selbst. In der Mitte der Brücke beobachtete Lenya an diesem Tag vor einigen Jahren zwei Kinder, die sich zur Begrüßung einen High-five gaben. Sie hörte, wie die Hände aufeinanderschlugen und, wie die Brücke antwortete. Als die Kinder wieder weg waren klatschte sie verlegen in die Hände und freute sich den ganzen Heimweg über ihre Entdeckung eines neuen Geräuschs. Ein paar Tage später traf Lenya zwei Freundinnen. Sie gingen durch die Bibliothek der zärtlichen Erinnerungen und fühlten sich zusammen in sich geborgen. Nach langen Gesprächen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über Träume und Realität, beschloss Lenya, den beiden ihr neues Geräusch zu zeigen. Auf der Seite der drei Gebäude gingen die drei los. Sie sprachen nicht. Sie klatschten in die Hände, stampften auf den Boden, sie hörten sich zu. Und mit der Zeit wurden sie mutiger, hüpften und tanzten über die Brücke, begleitet von dem Lied, das sie zusammen aus ihren neuen Geräuschen machten.

 

Lenya geht heute über diese Brücke, von drei Gebäuden zu einem und erinnert sich an die Verbindung, die sie in dem Moment spürte, daran, wie die drei zu Einem wurden, und an Zärtlichkeit.

 

Wieder zuhause blättert sie in ihrem alten Tagebuch und findet diese Sätze von einem Tag vor vielen Jahren:

 

Ich möchte einen Soundtrack für mein Leben.

Ich möchte jeden Tag mit guter Laune aufwachen.

Einmal im Leben möchte ich ein Buch schreiben.

Ich möchte für einen Tag unsichtbar sein.

Ich möchte ernst genommen werden.

 

Heute schreibt sie:

 

Mit euch erfinde ich meine eigenen Lieder.

Neben euch wache ich auf und muss einfach lächeln.

Mit unseren Erinnerungen füllen wir viele Bücher.

Ich darf mich bei euch auch verstecken und ihr erkennt mich trotzdem.

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