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Pavillon d´amour

June 12, 2018

 

 

Vor 53 Jahren habe ich in Mannheim-Neckarau das Licht der Welt erblickt. Meine Schulzeit in den 80er Jahren verbrachte ich „auf dem Bachgymnasium“. Zum Schuljahresbeginn erbten wir mehrere Exemplare männlicher Repetenten. Einer davon ist besonders in meinem Gedächtnis haften geblieben.

„Oh Joe, Du warst so cool“. Mit Wuschelmähne, die kaum unter den Motorradhelm gepasst hat, Lederjacke in schwarz, Jeans, Turnschuhe und geheimnisvollem Blick. Geraucht hat er natürlich auch. Er und seine Freunde standen in der Pause in der Raucherecke und kamen sich voll erwachsen vor. Repetent männlich, zwei mal wiederholt, ergo mindestens 18/19. Ich hörte dann außerdem, dass er alleine mit seiner Mutter auf dem Lindenhof lebt. Armer Bursche.

Also, die Kombination aus geheimnisvoll, vielleicht gerettet werden müssen und umsorgt werden, haben mich angespornt, ihn kennenzulernen. 

Und er wusste natürlich, was er wollte, außer Motorradfahren. Ein Mädchen, in das er sich verlieben würde, die musste morgens genauso anziehend aussehen und etwas Besonderes an sich haben, wie abends.

„Ach nee, dann brauch ich mir ja keine Gedanken machen“. Joe rein, Schublade zu. Aber egal, wie auch immer, dieser beeindruckende Typ nahm Raum in meinem Leben ein.

Nach der mündlichen Abiprüfung landeten wir mit unseren Mitschülern am Rhein, unter dem Dach des Pavillons auf dem Monte Gogolo.

Vielleicht war es Erleichterung nach den bestandenen Prüfungen, Sehnsucht nach etwas Neuem oder einfach Übermut. Die Luft knisterte, selbst der Zaun am Pavillon schien zu vibrieren. Wir schauten uns in die Augen, er zwinkerte leicht.  Seine Hände berührten mich, wir küssten uns und verließen den Hügel. Mit seinem Scirocco brachte er mich nach Hause und wir verbrachten wundervolle Stunden.

33 Jahre after Joe, an einem Montag, öffnete ich meine Facebookseite und siehe da, rechts oben war ein Foto abgebildet, das mich in den Bann zog. Der Eintrag des Bachgymnasiums schickte mir Joe auf den Bildschirm. Allerdings sah er alles andere aus wie Joe. Hat sich auf seiner Seite auch Joachim genannt. Die Haare kurz und ordentlich, keine Wallemähne mehr. Der Blick hinter der Brille nicht mehr geheimnisvoll und schlicht. Am Bildrand konnte ich ein weißes Hemd und ein Anzugrevers erkennen. Oh Gott, wie für die Bewerbung bei einer Bank oder Versicherung.

Tja, Neugierde, Dein Name ist Frau, was hab ich getan? Ich wollte wissen, ob nach so vielen Jahren, in dem Mann noch der geheimnisvolle alte Rocker steckt oder einfach ein verheirateter oder geschiedener Normalo. Es hat nicht lange gedauert und wir wurden ein Paar und sind es auch heute noch. Schon nach wenigen Monaten wurden wir Ringträger mit Gravur. Den Pavillon d`Amour haben wir nicht vergessen. Und wenn wir am Rhein entlang laufen und den Monte Gogolo besteigen, ist es aufregend und prickelnd, mit ein bisschen Sehnsucht und vielleicht auch etwas Übermut. Und ich glaube, den morgendlichen Test habe ich auch bestanden.

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