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Mannheim Hauptbahnhof

June 15, 2018

 

Meine Geschichte spielt am Mannheimer Hauptbahnhof. Ich möchte sie erzählen, da sich die ganze Gegend dort für mich sehr verändert hat, seit wir 2015 im Herbst angefangen haben, gestrandeten Flüchtlingen zu helfen...

Damals war es so: Kurzentschlossen hatte ich mich eines Abends zum Bahnhof begeben, um zu schauen, ob ich helfen kann. Bei der Information hatte man mir schließlich ein paar Züge genannt, die Uhrzeiten und an welchen Gleisen sie halten würden und man hatte uns den Tipp gegeben, da mal Ausschau zu halten. Als ich dort dann ankam, kamen immer mehr Leute auf mich zu, die meinen Aufruf auf Facebook gelesen hatten. Insgesamt waren es dann vierzehn, fünfzehn Menschen, die ich damals noch nicht persönlich kannte.

Was passieren wird – das war zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel.

Wir beschlossen, uns einfach erst einmal umzuschauen, wir liefen über Bahnsteige, durch's Gebäude und auch durch die Unterführung. Man merkte den Menschen ziemlich schnell an, ob sie sich auskennen oder nicht. Und man sah Geflüchteten an, dass sie Geflüchtete waren. Man sah es zum Beispiel an der Kleidung, die für die Jahreszeit viel zu dünn war. Oder auch am Gepäck konnte man es ihnen ansehen und meistens hatten sie irgendwelche Zettel in den Händen. Diese Zettel waren ein ganz wichtiges Erkennungszeichen.

Nach einigen Stunden, in denen wir tatsächlich tatkräftig helfen konnten, sei es mit unseren Schuhen, die wir hergaben, Informationen die wir weitergeben konnten oder einfach nur dem Willkommenheißen, gingen wir heim, völlig geschockt. Wir waren alle irgendwie ernüchtert. Keiner wusste so genau, was er sagen sollte. Alle waren wir durchgefroren. Die Sonne schien zwar an dem Tag, aber alle hatten gefroren.

Zuhause wärmte ich mich dann etwas auf. Ich setzte mich in eine heiße Badewanne und überlegte die ganze Zeit: „Hmm, sollen wir nochmal hin oder nicht?“. Man musste das ja abwägen und ich wog es ab und dachte mir „Es kann ja sein, dass wieder Menschen kommen, auch abends, auch nachts.“ Und dachte weiter. Dachte, wie es wäre, wenn ich all das nicht sähe, das ganze Elend, die schlimme Situation und was man da auch vorher in den Nachrichten gesehen hatte. Und plötzlich waren diese Menschen vor dir. Direkt vor dir...

Mein Entschluss war gefasst – wir versuchen einfach zu helfen. Jeder bringt mit, was er kann, auf die Gefahr hin, dass wir alles wieder mit zurück nehmen müssen. Das heißt, Pullover, Schals, Handschuhe oder Schuhe. Naja, und falls nichts sein sollte, falls das wirklich nur eine Ausnahme war, dann essen wir dort eben etwas zusammen und gehen wieder nach Hause.

Wir fuhren nochmal hin. Einer hatte gekocht, die andere gebacken, wir stellten das Essen hin…
Und plötzlich ging’s los. Es wurden viele dieser Nächte und sehr viele Helfer. Und zusammen durchlebten wir verrückte Situationen, verrückte Momente. Einer dieser war Halloween, 31. Oktober, um uns herum liefen noch diese betrunkenen Menschen, junge Leute, ältere Leute, und auch Reisende. Da gab es so viele Situationen, in denen man sich dachte: „Bin ich jetzt in einem Film? Was passiert hier gerade?“. Neben mir sitzt dieser Mann, er krempelt seine Hose hoch, lässt die Hose runter und dann sehen wir die Beine mit Wunden, mit Blutvergiftungen, mit Bombensplittern. Da ist eine Frau, die direkt vor meinen Augen zusammenbricht, eine ältere Frau. Nur weil ich sie mit Handzeichen danach gefragt habe, ob sie denn einen Chai wolle. Es waren wirklich sehr müde und erschöpfte Menschen.

Wir hörten auch sehr viele schlimme und tragische Geschichten. Wir fragten die Menschen nie wie sie’s hierher geschafft hatten. Nie. Wir wussten über Traumata und Retraumatisierung Bescheid. Aber viele erzählten von sich aus...

Der Bahnhof veränderte mein Leben grundlegend. Es war eine eigenartige Situation. Es war einfach diese Situation, wenn man Menschen vor sich hat, und man sieht sie, mit Verletzungen, und gleichzeitig sieht man sein eigenes altes Leben, durch die Reisenden. Da waren zwei parallele Welten, die gleichzeitig nebeneinander abgelaufen sind und ich war Teil von beiden, stand mit je einem Fuß in einer. Das war verrückt - zum verrückt werden auch. Es gab aber auch unglaublich tolle Begegnungen. Zum Beispiel, wenn Fahrgäste, Geschäftsleute, aus den Zügen stiegen, kurz anhielten und uns sagten, sie hätten uns schon öfters gesehen, auch beobachtet, und uns dann eine Tafel Schokolade daließen oder uns auch einfach Geld in die Hand drückten, uns lobten und sich bedankten.

Und da kann ich mich auch an eine Situation erinnern - ein Vater mit einem kleinen Kind, auf dem T-Shirt waren Blutflecken, im Gesicht waren noch Blutflecken, also hatte er keine Möglichkeit zur Reinigung oder Säuberung gehabt und das Kind saß auf dem Tisch, in diesem alten Zug, und weinte, und der Vater konnte es nicht beruhigen. Er war dann auch beinahe nicht mehr präsent. Er war übermüdet. Und die anderen Kinder lagen auf dem Boden und schliefen. Ich ging zu dem Kind hin und gab ihm nur einen ganz kleinen Teddybären und plötzlich war es ganz still. Es weinte nicht mehr. Es schaute mich nur noch mit ganz großen Augen an.

Bis heute halten wir mit den Helfern Kontakt. Das, was früher am Bahnhof war, findet seit 2016 in den Kulturbrücken statt. Zu Manchen von den Geflüchteten habe ich noch Kontakt, bin mit vielen noch auf Facebook befreundet. Ich wünschte, ich würde noch zu mehr dieser Menschen Kontakt haben und erfahren, was aus ihnen eigentlich geworden ist. Ob sie´s geschafft haben, wie es ihnen geht...?

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